Monika Paefgen-Richter
Katalogtext
Monika Paefgen-Richter
2017

Die Empfindsamkeit des Augenblicks, inmitten dieser Zeit

Zur Malerei von Monika Paefgen-Richter


Monika Paefgen-Richters Porträts setzen nah am Objekt ihrer Betrachtung an. Ihr Blick ist ein eindringlicher und zielgerichteter. Ihre Werke zeigen den eingefangenen Moment einer menschlichen Wirklichkeit, an dem sie uns teilhaben lässt: „Ich male solange, bis ich das Gefühl habe, das Portrait spricht mich an.”, so die Künstlerin.

Blättert man durch die Seiten dieses Katalogs, fühlt man sich erinnert an ein Fotoalbum, das Situationen vergangener Tage zeigt. Menschen werden sichtbar. Einmal blicken diese durchdringend und stehen in direktem Kontakt mit uns. Andere Gemälde zeigen in sich selbst versunkene Personen, die den Blick des Betrachters nicht spüren. Auf die Frage, wie die Szenen ihrer Bilder entstehen, antwortet Monika Paefgen-Richter: „Du erkennst die Irritationen, die Stillstände in der Welt, im Innehalten der Person, im Moment ihrer Versunkenheit, in sich selbst, in der Umgebung.” Der Bruchteil einer Sekunde, die Länge eines Gedankens dauert der gefühlte Blickwechsel zwischen der Künstlerin und ihren Porträtierten. Beide erscheinen einander dabei gleich, verbunden in der Intimität eines Blicks, der die respektvolle Distanz der Beobachtung wahrt.

Die für diesen Katalog ausgewählten Werke beschreiben Monika Paefgen-Richters künstlerische Entwicklung in den vergangenen fünf Jahren. Während sie sich zu Beginn ihres künstlerischen Schaffens mit Naturdarstellungen befasste, widmet sie sich seit 1993 dem künstlerischen Genre des Porträts. Ihre Bilder sind Momentaufnahmen, kurze Augenblicke der Begegnung: Der Mensch innerhalb einer Sekunde, außerhalb der Zeit.

Monika Paefgen-Richter arbeitet mit Vorlagen, skizziert erst und malt oder zeichnet dann oftmals mehrmals übereinander, der Entstehungsprozess eines Porträts sei „ein ständiges Dranbleiben und Übermalen”. Zunächst wählte sie ihre Modelle aus dem Bekannten- und Familienkreis, dann nahm sie Ausschnitte aus Zeitschriften als Vorlage. Aktuell arbeitet die Künstlerin mit Schnappschüssen. Mit der Kamera begibt sie sich auf der Suche nach Motiven hinein in die Beobachtung der Umwelt. Als Material nutzt die Künstlerin zumeist Acrylfarbe auf Leinwand. Das Ziel ist dabei nicht die detailliert-realistische Wiedergabe. In ihren Werken sind die Farben nicht mehr wirklichkeitsbezogen, sondern fungieren vielmehr als expressive Stimmungsträger, die den Bildern eine immense Leuchtkraft geben.

Paefgen-Richter stellt ihre Menschen deutlich aus, sie rückt sie in die Mitte einer gleißenden Fläche, von der sie sich abheben. Ihre Figuren skizziert sie stets im starken Kontrast und mit Tiefenstruktur, jede Haarlocke hebt sich deutlich hervor, jedes Gesicht besitzt eine haptische Qualität. Die Porträtierten scheinen aus Bruchstücken zu bestehen, aus Schichten von durchscheinender Wirklichkeit, die sich nur kurzzeitig zusammenfügen in ihrem Bild, in ihrem Blick, um sich danach wieder neu zu formen. Die Struktur des Menschen wird sichtbar, die Einzelteile seines Wesens, das, woraus er besteht, seine Schichten, Farben und Formen. Ihre Bilder machen deutlich, das ist nicht der Mensch für immer, sondern nur ein Momentum. Eine Facette. Ein Zustand im Werden. Denn der Mensch ist nie nur das eine Abbild.

Der Begriff des ‚Porträts' leitet sich ab vom lateinischen ‚protrahere', - das Nichtsichtbare sichtbar zu machen, Wirklichkeit einerseits darzustellen und zugleich auch eine individuelle Interpretation der Figur zu bieten. Monika Paefgen-Richter übersetzt ihre eigenen ästhetischen Erfahrungen auf künstlerische Weise. Ihre Werke zeigen eine Deutung, die offenbleibt, die sich nicht anmaßt, generalisierende Aussagen zu treffen, sondern die nur Anmerkungen liefert und mögliche Sichtweisen aufzeigt.

Der Blick der Künstlerin ist zurückhaltend, anteilnehmend und wertschätzend aus der Distanz heraus. In ihren Werken liegt eine große Zärtlichkeit, die dabei nicht übergriffig wird. Denn das Bekannte wie auch das Fremde wird vertraut, sobald man es in Ruhe betrachtet. Monika Paefgen-Richters Porträts erzählen von einer Empfindsamkeit des Augenblicks, inmitten dieser Zeit.

Barbara Marie Hofmann, 2017